VORTMEYER und das WÄHLENGEHEN

Interview

Herr Bürgermeister Vortmeyer, am 25. Mai sind Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen. Sie treten wieder an. Sogar die Opposition bekundet bei jeder Gelegenheit, wie gut sich Rödinghausen in den letzten Jahren entwickelt habe. Viele meinen daher die Wahl sei schon gelaufen und es lohne sich deshalb nicht zum Wahllokal zu gehen. Ist das so?

Also diesen Eindruck habe ich nicht. Klar, die Menschen fühlen sich wohl in ihrem Rödinghausen, vieles hat sich zum Guten weiterentwickelt, alte, heftig ausgetragene Konflikte scheinen überwunden. Da mag der eine oder andere denken, dass doch alles gut laufe und es so weitergehen könne. Aber die Mehrheit derjenigen mit denen ich spreche weiß, dass es erforderlich ist am 25. Mai die Stimme abzugeben, damit wir den erfolgreich eingeschlagenen Weg der letzten Jahre gemeinsam weitergehen können. Mich sorgt ehrlich gesagt mehr die zunehmende Zahl derer, die sich von der Politik ganz abwenden und aus Prinzip nicht mehr wählen gehen.

Antwort schließen

Sie sprechen es an. Viele Menschen denken, dass die Politik ihre Nöte und Probleme nicht versteht und gehen deswegen nicht zur Wahl. Was sagen Sie diesen Menschen?

Ich respektiere jede Entscheidung, die jemand trifft, der sich darüber Gedanken macht. Aber ich möchte den sogenannten „Nichtwähler“ aus tiefster Überzeugung umstimmen. Wissen Sie, gerade bei den Kommunalwahlen trifft das Argument der Bedeutungslosigkeit überhaupt nicht zu. Der Einfluss der Wählerinnen und Wähler auf der kommunalen Ebene ist viel größer als beispielsweise auf Bundes- oder Landesebene. Kommunalpolitik wirkt im direkten Lebensumfeld. Schätzungsweise 80 Prozent aller Angelegenheiten, die Bürgerinnen und Bürger als „staatliches Handeln“ wahrnehmen, werden von den Gemeinden erledigt. Die Menschen vor Ort sind die eigentlichen Fachfrauen und Fachmänner, die sich aus unmittelbarer Betroffenheit und eigener Kenntnis der Sachlage ein gutes Bild von der Eignung der Kandidatinnen und -kandidaten und ihrer Programme machen können. Wer nicht wählt, nutzt nicht die Möglichkeit Rödinghausen mit weiterzuentwickeln! Wer wählen geht, kann kritisieren, kann mitreden, kann mitgestalten.

Antwort schließen

Sie argumentieren leidenschaftlich. Liegt das an Ihrem staatsbürgerlichen Verständnis oder worin begründet sich diese Überzeugung?

Ich will jetzt nicht pathetisch werden. Aber das Recht, an freien Wahlen teilnehmen zu dürfen, musste erkämpft werden. Dafür sind auch auf deutschem Boden lange Zeit Menschen verfolgt, verhaftetet, gefoltert und getötet worden. Im Osten unserer Republik durften die Bürgerinnen und Bürger erst vor knapp 25 Jahren das erste Mal wirklich frei wählen. Weite Teile der Welt kennen bis heute keine freien Wahlen. Die, die es betrifft haben also nicht mitzuentscheiden und nicht mitzugestalten. Viele bei uns vergessen das. Viele nehmen freie Wahlen als so selbstverständlich an, dass sie sich das Recht nehmen auf die Ausübung des Wahlrechts zu verzichten. Neulich sah ich in einer deutschen Großstadt ein Wahlplakat auf dem unter dem Konterfei der Kandidatin der Spruch prangte „Wählt doch, wen ihr wollt“. Das sollte vielleicht lustig sein, mir gab es zu denken. Wenn schon eine Kandidatin mit der Beliebigkeit des Wahlverhaltens kokettiert, dann hat sie selbst nicht verstanden, dass es durchaus einen Unterschied macht wen und was man wählt. Wie das Wort „Wahl“ schon sagt: Es gibt eine!

Antwort schließen

Das ist doch alles sehr einleuchtend. Wenn Sie das öfters erzählen würden, könnten Sie vielleicht den einen oder anderen Unschlüssigen doch überzeugen. Wäre das eine Idee?

Als Bürgermeister bin ich primär für die Leitung und Führung der Gemeindeverwaltung verantwortlich. Doch, glauben Sie mir, ich führe häufig solche Gespräche. Übrigens erfreulicherweise oft auch mit Schülerinnen und Schülern unserer Gesamtschule. Anders als immer behauptet wird, treffe ich bei den jungen Menschen in diesen Fragen auf große Aufgeschlossenheit. Auch deshalb freue ich mich, dass bei den Bürgermeister- und Stadtratswahlen in Nordrhein-Westfalen Jugendliche ab Vollendung des 16. Lebensjahres wählen dürfen. Umfragen aus den letzten Jahren haben gezeigt, dass sich Erst- und Jungwähler, also die Altersgruppe der 16 bis 23-Jährigen, zwar von den klassischen Parteienwahlkämpfen nicht besonders angesprochen fühlen und trotzdem unbedingt wählen gehen wollen. Ich finde das toll! Deswegen bedaure ich auch, dass die Wahlberechtigung bei den gleichzeitig staatfindenden Europawahlen nicht auch schon ab 16 Jahren gegeben ist.

Antwort schließen

Sie sprechen es gerade an, am 25. Mai finden zeitgleich die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Von einem Europawahlkampf ist nicht viel zu verspüren, oder?

Da müssen diejenigen gefragt werden, die für den Europawahlkampf zuständig sind. Meinerseits nur so viel, das das Europa-Wahlsystem natürlich nicht zu großen Wahlkämpfen ermuntert, da die Wählerinnen und Wähler nur eine Stimme haben, mit der sie einen, in aller Regel bundesweiten, Listenwahlvorschlag wählen. Trotzdem bitte ich auch an dieser Wahl teilzunehmen. Europa geht uns alle was an. Es ist viel besser als sein Ruf! Für mich ist Europa nach wie vor ein unglaubliches Friedensprojekt. Jahrhundertelange Erbfeindschaften, totalitärer Nationalismus, flächenbrandartige Kriege und die Mauer zwischen Ost und West konnten nur wegen dem europäischen Gedanken überwunden werde. Aktuelle Krisen werden aufgrund der europäischen Einigung politisch und nicht militärisch gelöst werden. Zugegeben, vieles hakt und einiges könnte besser laufen in Europa. Die Europäische Union hat mittlerweile viel mehr Kompetenzen und Einfluss auf Deutschland als vor einigen Jahren. Doch Deutschland ist selbst ein großes Gewicht in der Europäischen Union. Vergessen wir nicht, wir stellen 96 der insgesamt 751 jetzt zu wählenden Abgeordneten des Europäischen Parlaments, dessen Präsident übrigens der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz ist.

Antwort schließen

Herr Bürgermeister Vortmeyer, zusammenfassend kann man da ja wohl nur sagen: Am 25.Mai wählen gehen! Vielen Dank für das Gespräch.